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Sonne, Sand und Lichtausbreitung

Michaela, die Assistentin für alles Philosophische und Psychologische, Yoga und Wellness. Chronisch unfrisiert liebt sie alles Chaotische, Kreative und möchte deshalb natürlich Leben im Universum haben.
Luzie, die Assistentin aus dem Untergeschoss, zuständig für alles Brennbare und Explosive, ist der Untergang aller Ordnung und Symmetrie und der Ruin der Nerven ihrer Kolleginnen.
Laplacie, der Laplacesche Dämon, der als fleißiger HiWi immer für Ordnung sorgt und für den nur die Quantenmechanik schlimmer ist als das Aufeinandertreffen aller drei Kolleginnen.
Gott, der Chef, der mit unerschütterlicher Ruhe die Kolleginnen und ihre Arbeiten dahin lenkt, wo er sie hinhaben will, zu einer funktionierenden Physik und irgendwann der Entstehung von Bakterien, Quallen, Nashörnern und anderen Lebewesen.
Gabriela, die Assistentin für Naturwissenschaften. Stets exakt frisiert hält sie hochsymmetrische Zustände für den Inbegriff von Schönheit und steht der Idee, Leben und das damit verbundene Chaos im Universum entstehen zu lassen, mit Skepsis, um nicht zu sagen, tief empfundenem Abscheu gegenüber.

Gott betrachtete grübelnd durch die Wand hindurch sein neu geschaffenes Universum und wartete darauf, dass es durchsichtig wurde. Apropos durchsichtig. Die Wand war, wie auch alles andere, im Gegensatz zum Universum vollkommen durchsichtig.
„Vor dem gläsernen Verbraucher schon die gläserne Schöpfung. Das wird Michaela nicht gefallen“, murmelte Gott, erhob sich dann aus seinem durchsichtigen Sessel und ging durch die durchsichtige Tür in Gabrielas durchsichtiges Labor.
„Meinen Sie nicht, meine Liebe, Sie könnten an den optischen Eigenschaften der Materie ein bisschen was drehen? Dass nicht alles so gleich aussieht? Oder vielmehr nicht alles so überhaupt nicht aussieht? Wegen der Abwechslung fürs Auge und auch um ein bisschen Privatsphäre zu haben?“
Gabriela sah kurz aus ihren durchsichtigen Buch auf. „Wie meinten Sie, bitte? Ich soll die Materieeigenschaften dahingehend ändern, dass die Dinge nicht mehr überhaupt nicht aussehen?“
„Ja, genau. Nicht überhaupt nicht.“
Gabriela klappte das Buch mit dem Titel „Abhandlungen über Elektrizität und Magnetismus“ zu und runzelte unzufrieden die Stirn.
„Ich dachte eigentlich, es wäre von Vorteil, einen gewissen Überblick zu behalten. Ich fand es oft hilfreich, die werten Kolleginnen im Auge behalten zu können.“
Sie versteifte sich unwillkürlich, als sie durch zwei durchsichtige Wände, drei durchsichtige Türen und ein Fenster Michaela heranstürmen sah. Rasch sprang sie auf, brachte ein paar empfindliche Messgeräte in Sicherheit und räumte mehrere Glaskolben in den Schrank. Bevor sie ganz fertig war, flog die Tür auf, knallte gegen die Wand, eine Glasflasche flog vom Tisch, und Michaela rauschte herein.
Gabriela betrachtete seufzend die Scherben und wandte sich vielsagend an Gott: „Verstehen Sie, was ich meine?“
Gott verstand sie leider nur unvollständig, denn Michaela wedelte mit ihrem neuesten Werk zur gesellschaftlichen Entwicklung herum und heischte Aufmerksamkeit. „Chef, meinen neuesten Theorien zufolge wird es in absehbarer Zeit zur Entstehung von Gewerkschaften kommen.“
Gabriela musste sich vor Schreck setzen.
„Das bedeutet Tarifverträge, geregelte Arbeitszeiten, insbesondere geregelte Urlaubsansprüche.“
„Nett, meine Liebe, aber ...“
„Urlaub, Chef! Ich finde, wir sollten sofort einen Probeurlaub machen. Ein gesellschaftliches Experiment! Wie wirkt sich ein plötzlicher Zuwachs an Freizeit, das völlige Fehlen von Arbeit aus!“
Gabriela sackte auf ihrem Stuhl zusammen und versuchte, das Entsetzliche zu begreifen, das sie da eben gehört hatte. Da versuchte sie seit Äonen, um den berüchtigten arbeitsfreien 7. Tag herumzukommen, und nun das.
„Also ich packe sofort meinen Koffer! Sonne, Sand und Meer!“
Michaela stürmte aus dem Labor, nicht ohne einen Stapel (durchsichtiger) Notizzettel durcheinanderzuwirbeln.
Eine Fontäne durchsichtigen Sandes spritzte auf und legte sich auf die vier ersten Urlauber des Universums. Luzie wühlte sich aus dem entstandenen Loch. „Hi, is hier der Urlaub?“
„Aber ja, liebe Luzie, entspannen Sie sich.“ Gott wedelte den Sand von seinem durchsichtigen Krimi und aus seiner durchsichtigen Strandmuschel.
„Nett hier.“ Luzie ließ sich zwischen Gott und Laplacie in den Sand plumpsen und beobachtete das durchsichtige Meer. „Nur‘n büschen viel Wasser. Zu wenig Feuer.“
„Also mir fehlt eher ein bisschen Schatten“, erklärte Gott.
„Und was fehlt der?“ Luzie deutete flüsternd auf Michaela, die hochkonzentriert die Kollegin Gabriela beobachtete.
„Pst!“ Gott legte den Finger an die Lippen. „Stören Sie sie nicht! Sie macht psychologische Beobachtungen. Zum Phänomen des Worcoholic.“
Luzie zog die Brauen hoch und wandte den Kopf. „Aha“, machte sie dann. Sie hatte Gabriela entdeckt, die unverwandt in den „Abhandlungen über Elektrizität und Magnetismus“ las. Sie hatte noch nicht einmal den – durchsichtigen – Sand von den Seiten gefegt, murmelte vor sich hin, von Elektromagnetismus und irgendwelchen vier Gleichungen, und tippte ab und zu in ihr Laptop.
„Ja, so könnte es gehen. Licht als elektromagnetische Welle wirkt wechsel – äh, wechselwirkt mit den Atomen und Molekülen der Materie. Weil die aus elektrisch geladenen Teilchen bestehen.“
„Ja, ja“, murmelte Luzie, „elektrisches Licht, irre praktisch und irre langweilig. Waswer brauchen, is Feuer.“
„Also eigentlich muss natürlich die Quantenmechanik ...“
Laplacie erbleichte und legte sich vorsorglich einen Eisbeutel auf die Stirn.
„Oh bitte, meine Werteste“, winkte Gott ab. „Wir haben Urlaub. Nicht komplizierter als nötig bitte. Ein einfaches Strahlen- oder Wellenbild reicht hier völlig aus.“
Gabriela ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Was genau bei der Wechselwirkung von Atomen und Molekülen passiert, ist ... hm, hm, kompliziert. Das hängt von den Eigenschaften der Atome und Moleküle ab. Wenn die Frequenz des einfallenden Lichtes zur Elektronenstruktur der Moleküle passt, können diese das Licht nutzen, um Elektronen auf höhere Bahnen springen zu lassen. Sie erinn... nein, natürlich erinnert sich wieder niemand an diese meine Leistung. Also wir hatten ja schon gesehen, dass die Absorption passender Lichtfrequenzen so etwas veranlasst. Da unterschiedliche Atome in unterschiedlichen Materialien ganz unterschiedlich aneinander gebunden sind, wodurch ihre Molekülorbitale ganz unterschiedlich aussehen, haben wir recht viele Möglichkeiten, das Aussehen von Materialien zu beeinflussen. Ah. Wir könnten zum Beispiel Materialien konstruieren, die das sichtbare Licht verschlucken. Das Licht wird also verschl... nein, nein, ein etwas niveauvollerer Ausdruck: es wird absorbiert. Das bedeutet, das hinten aus dem Medium weniger Licht wieder austritt als vorn eingefallen ist. Wenn alle Wellenlängen absorbiert werden und der Gegenstand dick genug ist, kommt hinten gar kein Licht mehr raus, es wird alles absorbiert. Das Material ist undurchsichtig. Irgendjemand wollte vorhin so etwas.“
Luzie fand das Gemurmel reichlich nervtötend und wandte sich den wichtigeren Problemen zu. „Chef, zu einem Urlaub gehört unbedingt ein Lagerfeuer. Mit Würstchen und so.“
„Also mir wäre eine Sonnenbrille im Moment lieber!“ seufzte Gott. „Es ist zu hell zum Lesen!“
Gabriela murmelte ohne Unterlass weiter. „Wie wäre es mit einem Körper, der alles einfallende Licht absorbiert. Einem schwarzen Körper. Eigentlich sehr schön, so etwas, so absolut und ordentlich, wenn alles absorbiert wird.“ Sie sah kurz hoffnungsvoll auf, musterte ihren Chef, senkte dann resigniert den Blick wieder auf ihr Laptop. „Ja, schon gut, das ist Ihnen wieder zu langweilig. Also Farben, farbige Materialien. Man könnte sich dann zum Beispiel ein Material überlegen, das nur gelbes Licht absorbiert und alles andere durchlässt. Die Überlagerung dieses anderen ergibt dann die Komplementärfarbe zu gelb ...“
„COOL!“ rief Luzie plötzlich.
„Ach was – obercool!“ fiel Gott ein und bewunderte seine Brille, die zu einer lilafarbenen, hypermodernen Sonnenbrille geworden war, weil sie das gelbe Licht absorbierte und die durchgelassenen übrigen Frequenzen sich zur Komplementärfarbe lila überlagerten.
Gabriela war nicht zu bremsen. „Da haben wir nun also einen Gegenstand, der nur in bestimmten Frequenzbereichen undurchsichtig ist, nämlich in diesem Fall für Gelb. Gelbes Licht wird absorbiert und gelangt nicht hindurch. Wir könnten denselben Effekt erzielen, wenn wir eine Brille nehmen, die alle Frequenzen absorbiert bis auf Lila. Nur Lila wird durchgelassen.“ Ein prüfender Blick auf Gottes Brille bestätigte ihre Annahme. Der war gerade an einer spannenden Stelle und bemerkte die Änderung gar nicht, da das Ergebnis ja weiterhin eine obercoole lilafarbene Sonnenbrille war.
Gabriela machte fleißig weiter. „Wie bekommt denn nun ein Gegenstand, der gar nicht durchsichtig ist, der also alles absorbiert, eine Farbe? Ah ja, die Oberfläche. Die Oberfläche eines Gegenstandes könnte ja Licht nicht nur absorbieren oder durchlassen, sondern auch einfach wieder zurückwerfen. Wenn, sagen wir mal, nichts durchgelassen wird, aber fast alles absorbiert wird; soll heißen, es wird alles absorbiert bis auf das rote – das rote Licht wird also an der Oberfläche zurückgeworfen, dann trifft von diesem Gegenstand auch nur rotes Licht ins Auge ...“
Gott betrachtete durch die lila Sonnenbrille seine jetzt erdbeerrote Strandmuschel. „Endlich Schatten! Sehr schön!“
„Hm, hm ... oder das grüne Licht wird absorbiert und alle anderen Frequenzen zurückgeworfen ... dann müsste die Mischung dieser zurückgeworfenen anderen Frequenzen die Komplementärfarbe zu grün, also auch wieder rot ergeben ...“ Ein prüfender Blick auf die Strandmuschel zeigte sie jetzt in kirschrot, da Gabriela sich geringfügig beim absorbierten Grünton vertan hatte. Da der Krimiheld gerade in akuter Gefahr war, bemerkte Gott den Unterschied jedoch nicht. „Oder wenn wir hier ...“
Nach und nach wurden der Sand sandfarben, die Luftmatratzen luftmatratzenfarben und das Wasser wasserfarben. Letzteres blieb allerdings weitgehend durchsichtig. „Aber was genau heißt eigentlich ‚das Licht wird zurückgeworfen‘? Wenn also Licht auf Materie fällt oder durch Materie hindurchgeht, werden Elektronen zum Schwingen angeregt, damit erzeugen die dann auch wieder elektromagnetische Wellen. Sie wirken also wie kleine Sendemasten. Hm, hm ...“
„Aber ohne Feuer isses langweilig!“ Luzie sah eine Weile unzufrieden vor sich hin. Dann fiel ihr Blick auf Michaelas nun quietschroten Badeanzug und sie grinste Gott an. „Passense mal auf“, raunte sie, „ich mach jetzt auch mal‘n psychologisches Experiment.“
Dann wandte sie sich an Michaela. „Wo hamse denn Ihr‘n neuen Badeanzug her? Sieht irre aus!“ erklärte sie strahlend.
Michaela wurde kreidebleich. „Sie – Sie mit Ihrem grauenhaften Geschmack finden ihn schön? Um Himmels willen, was mach ich denn bloß – ist er wirklich so schrecklich? Oh nein, ich brauche sofort einen Spiegel! Gabriela – wieso gibt es in dieser durchsichtigen Welt keine Spiegel?“
Gott verkroch sich hinter seinem Krimi. Einigermaßen erfolglos.
„Tun Sie bloß nicht so, Chef“, beschwerte Michaela sich, „Ich sehe doch genau, dass Sie grinsen!“
„Regen Sie sich nicht auf – murmeln Sie lieber ein bisschen oder gehen Sie baden!“ versuchte Gott sie zu beruhigen und kramte ein paar Glasmurmeln aus seiner Gewandtasche hervor. Michaela drehte sich empört um und stolzierte zum Meer. Luzie begann, mit den Murmeln zu murmeln.
Gabriela ließ sich derweil nicht ablenken, sie war immer noch hochkonzentriert mit den optischen Eigenschaften der Materie beschäftigt. „Spiegel. Reflexion. Ja, wenn wir einen Strahl auf eine Oberfläche eines Mediums fallen lassen, wird er reflektiert. Wo war ich – ahja, sehr schön. Die Atome, auf die der Strahl trifft, werden alle Ausgangspunkte je einer neuen Elementarwelle. Und das drehen wir jetzt so – oh, der Urlaub zeigt erste Auswirkungen, ich muss auf meine Ausdrucksweise achten und sollte den Urlaub baldmöglichst abbrechen – also, das legen wir so fest, dass die vielen neuen Wellen sich zu einem reflektierten Strahl überlagern. Hm. Nur ein reflektierter Strahl? Mal sehen. Ich denke, da fehlt noch was. Aber machen wir erst mal mit dem reflektierten Strahl weiter. Der Strahl wird also an der Oberfläche reflektiert. Und zwar, Moment, ja, in demselben Winkel, in dem er auch eingefallen ist.“
Gabriela ebnete eine Fläche nun sandfarbenen Sandes ein und malte Wellenfronten, die auf Oberflächen fielen, dort neue Wellen anregten, aus denen dann neue Wellenfronten wurden. Und war hoch zufrieden. „Das gilt jetzt natürlich nicht nur für Oberflächen, sondern ganz allgemein für Trennflächen zwischen zwei unterschiedlichen Medien. Denn eine Oberfläche ist ja auch nur eine Trennfläche zwischen dem Medium und seiner Umgebung.“
Prompt kam vom Meer ein entrüsteter Schrei: „Was reden Sie denn bloß – der Badeanzug sieht wunderbar aus! Sie haben ja keine Ahnung von Mode! Sie – ihh!“
Die glatte Meeresoberfläche zusammen mit dem reflektierten Strahl hatten Michaela ein perfektes Spiegelbild geboten, bis Laplacie beim Werfen seines aufblasbaren Wasserballs den Wind falsch berechnet (Eine unverzeihliche Nachlässigkeit. Urlaub hin oder her.) hatte und der Ball vor Michaela ins Wasser geklatscht war. Nun war ihr Badeanzug nass und ihr Spiegelbild zerstört. Lauter kleine und kleinste Wellen liefen über die Wasseroberfläche. „Oh, schuldigung.“ Schuldbewusst sammelte Laplacie seinen Ball ein und glättete die Wasseroberfläche wieder.
Gabriela blätterte und rechnete derweil weiter. „Reflexion an der Wasseroberfläche – gut und schön, aber das kann ja nicht alles sein, wie ich eben schon bemerkte. Etwas Licht geht auch durch das Medium durch. Wenn es nicht zu undurchsichtig ist. Was machen wir also mit dem Licht, das hindurchgeht ... nun, einfach gar nichts, wir lassen wie gehabt die Atome an der Grenzfläche zu Ausgangspunkten neuer Elementarwellen werden; diese neuen Elementarwellen überlagern sich ebenfalls zu einem Strahl, der dann einfach die Fortsetzung des einfallenden Lichtes bildet. Das geht auf die Weise unverändert durch das Medium hindurch ... ja, ja, schon gut, Chef, ‚unverändert‘ ist Ihnen zu langweilig, es soll abwechslungsreicher werden ... also lassen wir verschiedene Materialien die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichtes beeinflussen und zwar verschieden, je nach Material. Das kriegen wir recht einfach hin – da das Licht die Atome oder vielmehr deren Elektronen in Schwingungen versetzt, wird es dadurch gewissermaßen aufgehalten auf seinem Weg durch das Medium und abgebremst. Weshalb die Lichtgeschwindigkeit beispielsweise in einem dichteren Gas – wo mehr Teilchen vorhanden sind – geringer ist als in einem weniger dichten mit weniger Teilchen. Hm, ein sehr einfaches Bild, aber das dürften alle Kolleginnen verstehen. Zunächst wäre die Lichtgeschwindigkeit in einem Medium deshalb also generell schon mal geringer als im Vakuum. Des weiteren machen wir die Lichtgeschwindigkeit in unterschiedlichen Materialien unterschiedlich hoch. Hm. Was passiert also, wenn das Licht von einem Medium, in dem es sich schnell ausbreitet, in eins übertritt, in dem seine Ausbreitungsgeschwindigkeit geringer ist ...“ Der Sand wurde wieder eingeebnet, um als Zeichenunterlage für neue Wellenfronten an Trennflächen zu dienen.
„Sehr interessant! Wirklich sehr interessant – der Ausbreitungswinkel ändert sich, wenn die Geschwindigkeit sich ändert! Der Strahl knickt ab! Wird das Licht im zweiten Medium langsamer als es im ersten war, wird der Strahl zum Lot hin gebrochen. Und wenn es umgekehrt ist ...“ Wieder erschienen Wellenfronten im Sand.
Michaela kreischte plötzlich. „Was haben Sie denn jetzt gemacht! Meine Beine – sie sind ganz kurz und knubblig!“
„Brechungsindex – alles sehr komplex ... mit dem Brechungsindex entwickeln wir eine Größe, mit der wir die Brechung von Licht in Materie beschreiben können“, murmelte Gabriela unbeirrt weiter, während Michaela aus dem Meer hetzte und am Strand erleichtert feststellte, dass der Schaden an ihren Beinen offenbar nicht von Dauer war. „Je höher der Brechungsindex, desto kleiner die Lichtgeschwindigkeit im betreffenden Medium. Desto optisch dichter ist das Medium also und desto stärker wird das Licht zum Lot hin gebrochen.“
Gabriela runzelte einen Moment die Stirn, sah sich dann nach Laplacie um. Der war nicht auffindbar, weil er die nun undurchsichtigen Sanddornbüsche auf den Dünen genutzt hatte, um darin zu verschwinden. Da es noch keine Kurverwaltung gab, hatte auch niemand an Toilettenhäuschen gedacht. Luzie jonglierte inzwischen mehr oder weniger unkoordiniert mit ihren Glasmurmeln, wobei sich das ein oder andere Feuer im Sanddorn nicht vermeiden ließ, wenn der Brennpunkt einer der Murmeln unglücklich lag. Zum Glück befand sich meistens unbrennbarer Sand im Brennpunkt der Murmeln. Meistens. Laplacie quiekte erschrocken und ein laplacieförmiges grünes Feuer leuchtete durch den Sanddorn. Da Dämonen relativ unempfindlich gegenüber Feuer sind, erloschen die Flammen bald und Laplacie glühte nur noch von innen heraus sanft und grün vor sich hin. Interessanter fand Gott da schon den ebenfalls sanft grün leuchtenden, plätschernden Bogen, den der Dämon in die Büsche schickte. Gott nahm die Brille ab, um die Farbe des Wasserbogens besser mit der des glühenden Dämons vergleichen zu können. Ein eindeutiger Zusammenhang. „Das nenne ich wahren Einsatz, noch aus der privatesten Tätigkeit ein physikalisches Experiment zu machen. Laplacie hat eben den Lichtleiter erfunden!“ Laplacie quiekte schon wieder, wechselte die Farbe nach weiß (rot und grün sind ja, wie wir inzwischen wissen, Komplementärfarben und ergeben gemischt weiß) und verzog sich tiefer hinter die Büsche. Es gab Experimente, bei denen ein Dämon allein sein musste.
„Lichtleiter?“ Gabrielas Aufmerksamkeit war von den Brechungsindizes abgelenkt. Sie klappte ihr Buch zu und musterte die Büsche über den Brillenrand. Laplacie quiekte schon wieder, stellte das Experiment ein und floh tiefer in den Sanddorn. Gabriela musste den Vorgang mit eigenen Augen sehen und zitierte den Dämon zu sich an den Strand. „So, nun werden wir dieses Experiment wiederholen, und ich werde Bilder und Aufzeichnungen ...“
„Neineineinein, keine Bilder und keine Aufzeichnungen – Chef, sagen Sie ihr, dass das gegen, gegen, gegen ... es gibt bestimmt ein Arbeitnehmerschutzgesetz, dass einem erlaubt, gewisse Dinge unbeobachtet zu tun! Ich will das nich!“
„Hm.“ Gott betrachtete seinen Lieblingsdämon. „Es geht sowieso nicht mehr. Du glühst nicht mehr. Wir müssen uns was anderes überlegen. Gibt es schon Strandgut? Wir brauchen eine Tonne und einen Laser.“
„Nun sehen Sie sich das mal an! Noch kein Mensch auf der Welt und schon gibt es Umweltverschmutzung und Müll im Meer!“ Empört schleppte Michaela eine Tonne und einen Laser an Land.
„Nein, so was, wer schmeißt denn so was ins Meer!“ Gott war – vielleicht etwas zu sehr – entrüstet. „Aber wenn wir es schon mal da haben, können wir es ja auch benutzen.“ Er platzierte also den Laser hinter der Tonne und füllte sie mit Wasser. Dann fuhr er sich durch den Rauschebart. „Gabriela – können wir hier hinten ein Fenster in die Tonne machen? Etwas durchsichtiges?“
„Durchsichtig? Wieso denn nun auf einmal wieder durchsichtig? Aber bitte, wie der Herr wünschen.“ Sie entwickelte ein geeignetes Glas, Luzie schnitt mit einem Feuerstoß eine mehr oder weniger passende Öffnung hinten in die Tonne, in die dann das Glas eingesetzt wurde. Dann bohrte Gott vorn ein Loch in die Tonne und schaltete hinten den Laser an. Ein roter Laserstrahl fiel hinten durch das Fenster in die Tonne und vorn floss ein Wasserstrahl aus der Tonne heraus. Luzie kratzte sich die Hörner und betrachtete den Wasserstrahl.
„Chef, was hamse denn da gemacht? Sie ham durchsichtiges Wasser in die Tonne gekippt, also so ohne Farbe, so wie Wasser halt is, und vorn kommt rotes Wasser raus. Is das‘n Trick?“
„Das ist kein Trick, liebe Luzie. Das ist das Licht, das rote Licht des Lasers.“
„Häh? Das Licht fließt vorn mit dem Wasser mit raus?“
„Sozusagen, ja.“
„Totalreflexion!“ Gabriela schob ihre Brille nach vorn, um darüber hinweg das Laserlicht im Wasserstrahl zu beobachten. In der Tat, das Licht fiel von hinten in den austretenden Wasserstrahl hinein, wurde dann an den Rändern des Strahls immer wieder in diesen hineinreflektiert, und zwar vollständig. Kein Licht verließ den Wasserstrahl, es wurde mit dem Wasser mitgeführt.
„Ein Lichtleiter! Das geht nur, weil der Brechungsindex in Luft kleiner ist als in Wasser, der Lichtstrahl also vom Lot weggebrochen wird, und außerdem das Licht in einem sehr flachen Winkel auf den Rand des Wasserstrahles trifft. Deshalb funktioniert es auch am besten mit Laserlicht, das ist ein schöner enger Strahl und auch schön parallel. Der Lichtstrahl wird an der Begrenzung des Wasserstrahls so stark gebrochen, dass er wieder zurück in den Wasserstrahl fällt. Er kann das Wasser nicht verlassen! Naja, natürlich nur fast nicht. Wenn überhaupt kein Licht den Wasserstrahl verlassen würde, würden wir ihn nicht rot sehen, weil uns dann kein rotes Licht ins Auge fallen würde. Aber im Wasser sind kleine Luftbläschen und wahrscheinlich auch Verunreinigungen – haben Sie Ihre Hand in die Tonne gesteckt, Luzie? Dachte ich mir, Asche und Ruß. Daran wird auch ein bisschen Licht gestreut. Dieses gestreute Licht verlässt den Wasserstrahl dann doch, weil es nicht mehr in dem nötigen flachen Winkel auf den Rand des Strahles trifft. Trotzdem – das ist bahnbrechend für den Datentransport mit Licht ...“
„Häh? Sie wolln jetzt über Wasserleitungen telefoniern?“
„Natürlich nicht – da brauchen wir Glasfaser, das funktioniert aber nach demselben Prinzip. Sie bestehen aus einem Kern, der von einem optisch dünneren Mantel umgeben ist. An diesem werden die Lichtstrahlen immer wieder in den Kern zurück gebrochen und können das Kabel nicht verlassen. Ich werde mich sofort daran ...“
„Hm. Für die Kollegin ist der Urlaub offenbar beendet. Aber ich hänge noch eine Woche dran. Fünf Krimis habe ich noch ...“

© Wiebke Salzmann, Juni 2012